Meine erste Einschätzung
Du schreibst, dass von außen alles rund läuft: aufgeräumtes Haus, dein Mann Vollzeit, du drei Tage, „den Rest halte ich zusammen". Du schreibst auch, dass dein Arm um die Kleine echt ist, wenn sie nachts an dein Bett kommt — und dass du trotzdem seit ungefähr zwei Jahren weißt, wie der Satz weitergeht, der mit „wenn ich noch einmal wählen könnte" anfängt. Gesagt hast du ihn noch niemandem. So habe ich dich verstanden; korrigier mich, wenn ich etwas falsch lese.
In dem, was du aufgeschrieben hast, liegen für mich drei verschiedene Sachen nebeneinander, und keine davon musst du heute entscheiden.
Die erste: Du schreibst, es richte sich nicht gegen die Kinder, sondern „gegen alles andere" — gegen die Brote am Morgen, den Klassenchat, die Termine, dagegen, dass seit sieben Jahren jeder Tag zuerst allen anderen gehört. Ob das am Ende zwei verschiedene Sätze sind oder ein einziger, kann ich von hier aus nicht entscheiden, und ich glaube, du hast es selbst noch nicht entschieden. In deinem Text stehen beide.
Die zweite steht da, aber noch nicht als Frage: die Elf. Du hast mitten im Gespräch mit deiner Tochter gerechnet, wie viele Jahre es noch sind. Diese Zahl setzt voraus, dass sich bis dahin nichts ändert — dass das, was dir gehört, hinter dem Ende liegt. Das ist eine Annahme, keine Tatsache. Ob sie stimmt, weiß ich nicht; sie steckt nur in der Rechnung.
Die dritte ist das Sagen. Du schreibst, die würden es alle falsch verstehen — und schreibst „Ich liebe meine Kinder, wirklich", bevor irgendjemand widersprochen hat. Du trägst also zweierlei: den Satz und die Antwort, die du erwartest. Und es gibt zwei sehr verschiedene Gründe, so etwas irgendwann zu sagen: damit du es nicht länger allein trägst — oder damit sich an den Tagen etwas ändert. Das ist nicht dasselbe, und es führt zu verschiedenen Gesprächen.
Zu deinem letzten Satz, „Ich weiß nicht, was mit mir ist": In demselben Text stehen das Rechnen und der echte Arm, die Scham und der gelöschte Verlauf, obwohl niemand sonst dieses Handy in die Hand nimmt. Ich behaupte nicht, dass eines davon wahrer ist als das andere. Ich sage nur: beides steht da. Und du bist nicht die erste Person, die mir so etwas schreibt.
Wenn du magst: Schreib an einem ruhigen Abend auf — nur für dich, nicht zum Abschicken —, was du dir davon erhoffst, dass es jemand weiß. Nicht vom Moment des Sagens: von der Woche danach.
Vielleicht trifft das gerade etwas, vielleicht liest du es erst beim zweiten Mal. Wenn du magst, schreib mir, welcher dieser drei Fäden sich gerade am lautesten meldet — dort machen wir weiter. Es reicht ein Absatz, und es gibt keine Frist.
— Stefan